2014

 

Das Jahr hat schon lautstark begonnen. Bombenstimmung allerorts dank Sylvesterfeuerwerk. Ich weiß, nicht jedem ist danach zu feiern, daher bitte ich meinen Humor an dieser Stelle zu entschuldigen. Gesundheitlich hatte ich keinen Grund mich zu beschweren. Apropos beschweren, meine Leichtigkeit brachte immerhin noch 55  Kilogramm auf die Waage. Eigengewicht wohlgemerkt. Erschreckend, wenn man vor dem Spiegel steht und seinen Körper sieht, und zurück denkt, wie er einmal ausgesehen hat, vielleicht nicht ideal geformt, aber nicht wie ein halbes Skelett. Sonstige negative Veränderungen fallen kaum noch auf im Gegensatz zu meinem engeren Umfeld. Vor allem meiner Frau entgeht nichts. Keine Kleinigkeit bleibt ihr verborgen. Gut so, denn ich bin ihr über jeden Hinweis dankbar. Ich merke wie meine Finger und Arme fast nicht mehr zu steuern sind. Der Kopf läßt sich gut bewegen, nach links wie nach rechts, hoch und runter. Tagesmüdigkeit tritt in seltenen Fällen auf. Dann haue ich mich eine Weile aufs Ohr, bis es rot ist ! Spaß, natürlich nicht. Probleme mit dem Einschlafen zur Nacht kenne ich nicht. Habe einen guten und festen Schlaf. Gott sei dank. An meinen Füßen und Beinen habe ich nichts auszusetzen, sind für mich immer noch kraftvoll, zumindest so, daß ich mich im Rollstuhl hoch drücken kann, wenn ich sitze und die Rückenlehne zur Unterstützung habe. Meine Atmung sei noch gut in Schuß bestätigt mir mein Hausarzt bei seinen wöchentlichen Einsätzen vor Ort. Darüber sind wir Ihm sehr zu Dank verpflichtet und seinem tollen Team auch, das jederzeit für uns da ist.

Zusätzliche Lebenskraft schöpfe ich aus meinen wöchentlichen Therapien, die meinen Körper fit und in form halten. Ein Dankeschön an meine Therapeuten und Krankenkasse, die mir dies alles erst ermöglicht.

Nicht zu vergessen mein wöchentlicher Freigang, sprich Spaziergang, mit einem sehr netten, ehrenamtlichen Mitarbeiter des Hospiz Stuttgart Stauffenbergstraße und die Montagabende am Stammtisch, wenn meine Verfassung es zu läßt.

Ich denke, jeder ALS Betroffene versucht aus verschiedenen Quellen seine eigenen Lebensgeister zu finden und hat entsprechende Erfahrungen erlebt bzw gesammelt. So weit zu meinem körperlichen Zustand zu Beginn des Jahres 2014.

Mitte Januar hatte ich zu meinem 50zigsten Geburtstag ein paar Gäste eingeladen. Es kam ganz anders. Meine Frau und die Kinder hatten heimlich eine Überraschunsparty auf die Beine gestellt. Die Überraschung hat ihr Ziel nicht verfehlt. Überwältigend ! Es war alles geboten. Dies hatte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Was für ein Fest. DANKE ! DANKE ! DANKE ! an die BESTE Frau und die BESTEN Kinder. Ich werde EUCH nie vergessen.

Der restliche Monat verlief für meine Verhältnisse normal. Die PEG Sonde in meinem Magen feierte Ihr einjähriges Bestehen, was ich mit einem halben Liter Nutrison feierlich begoß. Was für ein Festmahl.

Im Februar konnte ich mich bei meinem Therapien "austoben", denn ich fühlte mich körperlich auf der Höhe. Zu diesem Zeitpunkt lief es recht ordentlich, jedoch mußte meine Frau nicht nur mich körperlich pflegen, sondern auch alles andere erledigen, was ihr sehr zusetzte. In solchen Augenblicken merkt man, wie schwer es ist, seinen Mann zu pflegen und selbst kein Mann ist.Schließlich wird dem Pflegenden hier alles abverlangt, körperlich, psychisch und physisch. Selbst im Schlaf, der eigentlichen Ruhephase, ist kaum Platz für Erholung. Es grenzt langsam an ein Wunder, wie meine Frau das übersteht. Ein großes Dankeschön an meine Schwiegermutter, wie sie uns in ihrem Alter zur Seite steht und uns fast täglich hilft.

Die folgenden Monate sind ähnlich vergangen und meine körperlichen Veränderungen sind kleiner Natur. Meine Finger und Arme sind spürbar aber kaum noch zu bewegen. Meinen Kopf kann ich weiter normal bewegen, meine Füße und Beine auch. Aufstehen aus dem Bett oder Rollstuhl nur mit Hilfe, wie schon seit Jahren. PEG  Sonde läuft ohne weiteres problemlos. Schlafen nur auf dem Rücken, aber Rückenteil von meinem Bett ist aufgerichtet, dadurch kann ich besser atmen, als wenn ich fast flach liege. Mein Gedächtnis halte ich mit diversen Übungen bei Laune, u.a. Hilfe bei Hausaufgaben, Quizsendungen etc.

Im Juni sollte mein Sprachcomputer auf Augensteuerung umgestellt werden, was sich aber als nicht so einfach herausstellen sollte. Es wurden zwei Programme kalibriert, wobei eines besser funktionierte, jedoch nicht zu hundert Prozent. Immer wieder gab's Unstimmigkeiten mit der Augenbedienung. Der Techniker rätselte, was die Ungenauigkeiten auslöste, bis er dahinter kam, daß es an meiner Brille gelegen ist. Sie ist entspiegelt. Ein simpler Grund mit großer Ursache, denn jetzt konnte diese Funktion mit der Augensteuerung nicht genommen werden. Große Enttäuschung und Stille im Raum. Was nun? Kein Computer mehr? Keine Verständigung mehr? Ich war der Verzweiflung nahe. Da ist dem Techniker eine Idee gekommen. Wie wäre es mit einer Maus an der Brille? Eine echte Maus, fragte ich aus Spaß. Allein der Gedanke ist lustig. Man stelle sich vor, eine Maus rennt auf der Brille hin und her und steuert dadurch den Computer. Wenn ich mir dies bildlich vorstelle muß ich schmunzeln.

Anfang Juli, nach dankbarer Genehmigung der Krankenkasse, bekam ich die Maus, die am Bügel der Brille befestigt wird. Die Steuerung ist leicht zu erlernen. Steuerung nach rechts: Maus bewegt sich so lange nach rechts bis man den Kopf stoppt. Das gleiche Prinzip erfolgt durch drehen nach links, heben und senken des Kopfes. Entsprechend geht die Maus nach links, hoch und runter. Kein Hexenwerk, Übungssache. Eine feine Erfindung, um mit seinem Umfeld in Kontakt zu bleiben.

Seit Mitte Juni lief die Fußball WM in Brasilien. Ein Highlight für mich Fußball Freak. Meine persönlichen Favoriten auf den WM Titel waren Brasilien, Chile, Niederlande und Hoffnungsträger Deutschland. Bereits die Vorrunde hatte einige Überraschungen parat, mit denen wohl selbst die Experten nicht gerechnet hatten. Dafür waren die K.O. Spiele im Achtelfinale an Spannung kaum zu überbieten und kein Favorit auszumachen. Welch eine Dramatik. Fortsetzung im Viertelfinale. Erstes Halbfinale:  Brasilien vs Deutschland. Spielausgang wohl völlig offen. Dieses Spiel wird WM Geschichte schreiben, wie kaum ein anderes jemals zuvor.Brasilien legt los wie die Feuerwehr, aber kopflos. Deutschland behält im Hexenkessel  Maracana kühlen Kopf und versetzt mit dem 0:1 den Brasilianern einen ersten Dämpfer. Was sich dann innerhalb von sechs Minuten auf dem Rasen abspielt ist ein Wunder bzw deutsche Fußballkunst. 0:5, ohne Worte! Die Brasilianer tun einem Leid. Endstand 1:7 im Halbfinale. Unfaßbar! Fiiiiinale. An Spannung und Dramatik kaum zu toppen und mit dem verdienten Sieger Deutschland! Wer, wie Argentinien, im Halbfinale und Finale in 240 Minuten kein Tor schießt, hat es nicht verdient, Weltmeister zu werden.

Trotz dieser Freude werde ich den Juli nicht so schnell vergessen,denn er brachte ein einschneidendes, fast tödliches Ereignis für mich mit sich. Am 8. Juli hatte ich einen Termin in der Zahnklinik zur Routineuntersuchung. Um zehn Uhr mußte ich da sein. Ich war pünktlich, jedoch war die Wartezeit, trotz Termin, fast drei Stunden. Beim Röntgen meines  Kiefers wurden einige Defizite an meinen Backenzähnen entdeckt, was dazu führte, daß diese entfernt werden müßten. Da die Entfernung nicht ohne Narkose getätigt werden konnte, sollte ich gleich noch den Narkosearzt aufsuchen. Was für eine Sucherei. Wartezeit eine Stunde. Fragebogen ausfüllen und beantworten. Zurück zur Zahnklinik wegen OP Termin am 10. Juli. Warten auf Rücktransport mit RTW. Um 18.30 Uhr endlich wieder zu Hause. Nahrung 500ml Nutrison.

Am 10. Juli um 8.00 Uhr stationäre Aufnahme in der Klinik. Seit Mitternacht nüchtern. Um zehn Uhr OP Termin, acht Zähne müssen dran glauben. Ich kann es kaum glauben. Kurz vor OP fehlt meine Akte. Typisch denke ich. Gegen 12.30 Uhr bekomme ich die Narkose. Gegen 16.30 Uhr erwache ich im Aufwachraum. Alles gut verlaufen, berichtet der Arzt. Meine Backen sind dick geschwollen. Größtes Problem ist die Verständigung mit dem Personal, obwohl bekannt ist, daß ich ALS habe. Die Nacht in der Klinik war furchtbar, schlaflos und unbequem. Gegen Mittag erfolgte der Heimtransport.

Zu Hause angekommen begann das Dilemma. Gegen Abend kamen Fieber, Magen- und Kopfschmerzen dazu. Mir blieb nichts erspart. Langsam meldete sich auch noch mein Rücken. Wie sollte ich bloß liegen? Seitlich drehen war schon seit Ewigkeiten nicht mehr denkbar. Mußte eben der Rücken leiden. Was mir am meisten Sorge bereitete, ist die Schlaflosigkeit gewesen. Seit dem Aufwachen aus der Narkose keine Minute Schlaf, obwohl ich meine Augen kaum öffnen konnte. Was war das? Ich hatte keine Erklärung. Unser Hausarzt hat mir noch am selben abend Penicillin verschrieben, welches per PEG Sonde zugeführt wurde. Die Nacht war kein Stück erholsamer als die vorigen. Im Gegenteil, jetzt hatte ich noch Schüttelfrost, Hitzewallungen, der Bluthochdruck sank unter normal und der Kreislauf spielte verrückt. Wie durch ein kleines Wunder hatte ich mich irgendwie zum WM Finale aufgerafft und konnte den Sieg miterleben. Dachte, durch dieses positive Erlebnis die Schmerzen zu vergessen. Nichts da. Es war kein Deut besser geworden. Selbst die nächsten Tage verbesserte sich mein Zustand nicht trotz der Arzneimittel. Einzig das Nierenversagen wurde verhindert, dadurch, daß mir laufend über die PEG Sonde Flüßigkeit zugeführt werden konnte.

Laut Aussage meiner Frau verfärbte sich sogar meine Gesichtsfarbe mehrfach gelb, blau und grau und ich lag ganz benommen im Bett, als würde es mit mir zu Ende gehen. Selbst in mir machten sich diese Gedanken breit. Michel, jetzt ist Deine Stunde gekommen, um dieser Welt lebe wohl zu sagen. Ich kann nicht mehr beschreiben, welche Gedanken mir durch den Kopf geschossen sind. Besser so.

Nachdem eine Woche keine Besserung eingetreten war, verordnete mein Hausarzt Antibiotika und die Dosis der Schlaftabletten wurde erhöht. Die anderen Medikamente wurden abgesetzt, um Komplikationen zu vermeiden. Anscheinend wirkten diese Maßnahmen, eine leichte Besserung der Symptome trat ein. Während der gesamten Zeit hatte ich keine Kieferschmerzen, jedoch dicke Backen. Von Tag zu Tag klangen die Schmerzen ganz langsam ab, das Fieber ließ schneller nach. Das Schlafdefizit wurde durch die Tabletten konstant reduziert, was sich positiv auf die Genesung auswirkte. Am Sonntag , 20. Juli hatte ich für ein paar Stunden das Bett verlassen und im Rollstuhl verbracht. Von da an ist es mir täglich besser gegangen. Jetzt, Ende Juli, scheint diese furchtbare Zeit überstanden zu sein. Was mir auch geholfen hat wieder auf die Beine zu kommen, war der zehnte Tag der Krankheit, als unsere jüngste Tochter, Mona, zu mir ans Bett gekommen ist, und mir sagte, Papa kommst Du zu meiner Abschlußfeier der Grundschule, schließlich komme ich dann auf die Realschule und ich möchte, daß mein Papa dabei ist. Natürlich komme ich, war meine Antwort. Als die Kleine das Zimmer verlassen hatte, mußte ich heulen. Vor Freude versteht sich. Ich war mächtig stolz auf unsere Tochter. Dies war die Initialzündung für meine Genesung.

Irgendwann hatte ich erwähnt, sich mit der ALS zu arrangieren und nicht gegen Sie anzukämpfen. Bisher bin ich damit ganz gut klar gekommen und habe Höhen und Tiefen mit der ALS durchlebt. Für meine Frau sind es nur noch Tiefen, mich Tag ein Tag aus in diesem Zustand zu pflegen.

 

 Fortsetzung 2014:

Nachdem die Zahn OP letztendlich glücklich überstanden wurde, mußte ich mich erstmals an meinen Steinbruch im Mund gewöhnen. Komisches Gefühl ohne Backenzähne, obwohl meine Zunge gar nicht mehr in diesen Bereich reicht. Es gibt viel zu besprechen mit der Logopädin. Hauptsächlich bezüglich Schlucken, Beißen, Zahnreinigung etc. Beißen, äh packen wir es an. Es gibt viel zu tun.

Seit die Zähne entfernt sind, hat sich der Speichel im Mund zurückgezogen und der Mundraum ist seitdem trocken. Das kannte ich bis dahin nicht. Selbst wenn ich getrunken habe, ist innerhalb kürzester Zeit alles wieder staubig. Mal sehen, wie lange ich mit der Logopädin üben muß, bis ich halbwegs einige Speisen verzehren im Stande bin. Nur Nahrung über die PEG Sonde ist nicht meine Sache und sättigt mich nicht, brauche unbedingt noch was zwischen die Kiemen. Einfach der Geschmack im Mund ist befriedigend für mich und verleiht mir ein besseres Gefühl.

Sobald es Neues von den Übungen mit der Logopädin zu berichten gibt, werde ich es mitteilen. Neue Details von mir möchte ich an dieser Stelle loswerden. Mein Kopf knickt immer öfter nach unten, d.h. die Halsmuskulatur wird instabiler. Stelle die Kopfstütze am Rollstuhl entsprechend ein, damit der Kopf einen besseren Halt bekommt. Tagesmüdigkeit kenne ich eigentlich nicht, höchstens mal vorm Stammtisch, aber sehr selten. Die Atmung ist etwas schwächer geworden, aber komme noch gut damit zurecht. Bisher sind noch keine Probleme aufgetreten. Bleibt hoffentlich noch lange so. Die Beweglichkeit meiner Beine wird schwieriger, merkt man bei der Krankengymnastik. Die tränenden Augen sind besser geworden, müssen nicht mehr so oft ausgewaschen werden. Mehr zu schaffen machen mir meine Arme und Finger, die ich nicht mehr alleine bewegen kann. Wie oft ärgerte ich mich darüber. Vieles liegt so nahe zum Greifen vor einem und doch kommt man nicht hin. Verflucht !

Heute war Verabschiedung von Mona. Die Viertklässler hatten Ihren großen Tag. Alles drehte sich um Sie. Für Mona ein sehr schöner Tag und in sechs Wochen der nächste Schritt in Ihrem Leben. Jetzt erst die Sommerferien genießen. Ich habe mich gefreut, daß es mir gesundheitlich gelungen ist, diese Stunden miterleben zu dürfen. Die Freude bei Mona war überschwenglich, denn sie hat sich mehrfach bei mir bedankt , daß ich da gewesen bin.

Gestern abend wurden die Fäden der Zahn OP entfernt. Kurz und schmerzlos. Gut überstanden. Von mir aus kann jetzt Ruhe einkehren.

Frau Reiff, vom Hospiz Stuttgart Stafflenbergstraße, hat sich nach mir erkundigt. Schließlich soll geklärt werden, in welcher Institution ich verbleibe, wenn sich meine Frau und die Kinder einige Tage Erholung gönnen. Schwierig, eine Unterkunft zu finden, die mit ALS Patienten vertraut ist und den entsprechenden Umgang mit diesem Personenkreis versteht. So wie es sich darstellt, hat Frau Reiff Ihre Hausaufgaben bestens erfüllt und etwas passendes für mich gefunden. Somit kann sich die Familie auf entspannte Tage freuen.

Heute haben unsere Zwillinge, Mona und Moritz, Geburtstag und unternehmen einen Ausflug in den Europapark nach Rust. Zusammen mit Mama und ihren großen Schwestern. Geburtstagskinder genießen an diesem Tag freien Eintritt. Bestimmt wird dies ein unvergessener, wunderschöner Tag. Kann mich noch gut an frühere Ausflüge in den Europapark erinnern, bin mit den Kids fast jede Attraktion gefahren, hat höllischen Spaß gemacht. Das waren noch Zeiten. Wie schön wäre es gewesen, hätte ich heute dabei sein können.

Heute war Logopädin im Hause, um meine Fragen zu besprechen. Gespräch verlief aufschlußreich. Mein Essen muß an die neue Situation angepaßt werden. Nur noch weiche Sachen mit Soße verdünnt, die auch mit der Zunge zerdrückt werden können oder pürierte Nahrung. Umstellung wird nicht einfach, aber muß sein. Was fehlende Backenzähne verursachen.

Der 6. August war kein guter Tag. Beim Aufwachen schon gespürt, daß Fieber habe. Starke Schmerzen rund um die PEG Sonde. Habe eine Ibu genommen, mit der Hoffnung, daß es besser wird. Von wegen Besserung. Schüttelfrost begann, Fieber angestiegen auf 39,2 Grad, total verschwitzt und Schmerzen ebenso noch da.

Hausarzt im Urlaub. Was jetzt? Frau Reiff vom ambulanten Hospiz hatte für heute mittag Ihren Besuch angekündigt. Durchhalten.

Schmerzen waren nicht besser, Rettungswagen alarmiert und ab in die Klinik. Nicht schon wieder. Muß das sein? Wie sich später rausstellen sollte, der richtige Weg. Die üblichen Untersuchungen, wie Blut zapfen, Kanüle legen und mehr. Es sollte sich herausstellen, daß es eine Harnweg Infektion ist. So wurde aus einer Nacht ein mehrtägiger Klinikaufenthalt.

Eigentlich waren die Tage anders verplant. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Voll eingetroffen. Trotz Antibiotika ist der Urin blutig geblieben. Die Ärzte entschlossen sich zur Blasenspiegelung und anderem Antibiotikum, da einige Keime und Erreger resistent sind gegen gewisse Antibiotika. Zusätzlich wurde ein Katheder gelegt, weil Urin nicht vollständig abläuft. Völliges Neuland. Bisher nur davon gehört. Jetzt selbst betroffen. Schlimmer geht es nimmer. Es gibt jetzt nur eine Richtung: Aufwärts !

Das waren eindeutig zu viele Nackenschläge. Es geht in die nächste Runde. Zur Sicherheit und weil der Infekt noch nicht überstanden ist, verlängert sich mein "Ausflug" um einige Tage. Körperlich könnte es mir nicht besser gehen. Das liegt bestimmt am Personal auf meiner Station. Alle, egal ob Ärzte, Schwestern und Pfleger, haben sich von Anfang an auf einen ALS Patienten, wie mich, hervorragend eingestellt und behandeln mich sehr gut. Ich fühle mich bestens aufgehoben, obwohl ich gerne zu Hause wäre, in gewohnter Umgebung. Solch gutes und aufmerksames Personal findet man wohl sehr selten. Muß auch mal gesagt und gelobt werden. Nach mehr als zwei Wochen durfte ich nach Hause. Alltag war wieder angesagt.

Ende August wurde auf meinem Sprachcomputer die "on-screen" Tastatur installiert. Das ist eine kleine Tastatur, die auf dem Bildschirm erscheint und wie eine normale Tastatur funktioniert. Jetzt habe ich die Möglichkeit,den Sprachcomputer wie einen PC zu gebrauchen. Feine Sache. Ausprobieren und lesen ist jetzt meine Beschäftigung. Learning by doing, sagt man heutzutage. Getreu dem Motto:  I"ll do my very best. Macht Spaß. Die ersten Übungen laufen ganz gut. Ablenkung pur.



Fortsetzung, 08.09. 2014

Heute, einen Tag nach Fortsetzung der HP, ist kein guter Vormittag. Schon im Bett merkte ich, daß mit der Atmung etwas nicht stimmt. Schon im Bett fängt es an. Hustenreiz und schwere Atmung dazu kaum Luft bekommen. Der Husten versucht Schleim zu lösen, schafft es aber nicht. Denke, der Schleim sitzt zu fest auf den Bronchen. So geht es fast den ganzen Vormittag bis der Husten weg ist. Die Atmung hat sich wieder normalisiert. Was den Anfall auslöste, keine Ahnung. Am Abend nochmal das gleiche Szenario, bloß nicht so lange. Dafür gut geschlafen.

Heute morgen bin ich erschrocken. Beim Waschen und Anziehen in den Spiegel geschaut. Wer ist die Person? Habe mich kaum wiedererkannt. Gesicht und Körper ganz eingefallen, nur noch Haut und Knochen. Das bin ich nicht !

Kein Wunder, daß meine Frau und die großen Kinder ihren Papa so nicht kennen und nicht wahrhaben möchten, daß die Krankheit einen Menschen so entstellt. Meine Familie kennt einen anderen Papa. Jetzt ist verständlich, warum die Großen immer wieder Abstand nehmen. Nur für meine Frau ist es kein Leichtes, Tag ein Tag aus mit der Situation fertig zu werden. Hut ab für diese Leistung und wie sie damit umgeht. Ihren Worten zu entnehmen, würde sie den ganzen Scheiß hinschmeißen. Absolut nachvollziehbar!

Mit der neuen on-screen Tastatur komme ich immer besser zu recht. Die Bedienung ist relativ einfach, sehr ähnlich einer PC Tastatur. Konnte noch nicht alle Funktionen testen. Email, online banking und vieles mehr möglich. Wichtig für mich, daß Homepage selber ändern kann, ohne fremde Hilfe. Das Gehirn hat wieder etliche Möglichkeiten mehr bekommen, um trainiert zu werden. Geistige Fitness ist mir wichtig und entsprechendes Wissen schadet auch im Alter nicht und gibt mir weiteren Lebensmut.

Die Sache mit dem Husten wiederholt sich jeden morgen wenn ich aufstehe und in den Rollstuhl sitze. Sobald mein Oberkörper aufrecht ist, kommt der Hustenanfall und dauert bis zu einer Stunde. Gelindert wird das Ganze, wenn ich meinen Kaffee mit Zwieback bekomme und etwas trinke. Zwischendurch kommt es vor, daß der Husten aus dem Nichts anfängt und gleich wieder aufhört. Ansonsten bin ich zufrieden mit meinem Zustand. 
 

 

 

Fortsetzung  "Mein Tagebuch 2014"  (Oktober)


Mein letzter Eintrag war von Ende September. Inzwischen sind vier Wochen vergangen, in denen nicht allzuviel passiert ist. Eigentlich ein guter Monat für mich. Keine Nachwirkungen der Zahn-OP und die Harnwegsinfektion auch ohne weitere Infektion überstanden. Nur der Katheter liegt noch. Am 16. Oktober ambulanter Termin, um den Katheter direkt in die Blase zu legen.
Einfach hygienischer. Innerhalb weniger Minuten war der Eingriff erledigt und ich konnte wieder nach Hause. Trage jetzt einen Beutel  täglich mit. Man gewöhnt sich schnell dran.

Die morgendliche Verschleimung ist geblieben. Mal ist die Verschleimung geringer und das Abhusten ebenfalls. Warum? Keine Erklärung, ist halt so. Teilweise ist das Abhusten anstrengend. Das Ganze dauert etwa eine Stunde und fängt an, wenn ich im Rollstuhl sitze, selten im Bett. Sobald ich meinen Kaffee mit Zwieback gegessen habe, hört das Abhusten auf und die Verschleimung ist wesentlich besser.

Meine Frau bekommt immer öfter Probleme, mich aus dem Bett zu holen. Ihr Rücken spielt dabei eine große Rolle, da er sich immer wieder mit Schmerzen meldet. Das Aufrichten von mir ist es, was Schwierigkeiten bereitet. Daran merkt man, dass einige Jahre Pflege nicht spurlos an einem
vorübergehen.

Halloween steht vor der Tür. Da freuen sich die Zwillinge drauf. Sie haben sich extra neue Kostüme zugelegt. Abends geht es mit Freunden auf Tour. Süßes oder Saures? Bis zum nächsten Eintrag. Das soll es für heute gewesen.